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Tattoogeschichte - Tattooarten
Die wohl ältesten bekanntesten Tattoos auf einem menschlichen Körper besitzt Ötzi. Dies ist der weltbekannte Leichnam eines Steinzeitmenschen, der 1991 in einem Gletscher nahe des Ötztales in Italien gefunden wurde. 15 Tätowierungen befinden sich auf seinem Körper. Unter anderem verlaufen eine Reihe paralleler Linien auf seiner unteren Wirbelsäule, Streifen um seinen rechten Fußköchel und eine Tätowierung in Form eines Kreuzes hinter seinem rechten Knie. 

Auf diesem steinzeitlichen Körper Tätowierungen zu finden war nahezu sensationell.

Wie begann nun die Geschichte der Tätowierungen? Wie lange gibt es sie schon und wie hat sie sich in den verschiedenen Teilen der Welt und im Laufe der Geschichte entwickelt?

Der Zeitraum zwischen den ersten Körperbemalungen und der Erfindung der elektrischen Tätowierungsmaschine bis zum Cybertattoo scheint unendlich.

Den geschichtlichen Teil der Tätowierungen finden wir besonders interessant. Tattoos tauchen in Teilen der Geschichte auf und ihnen werden Bedeutungen zugemessen, von denen man es vorher nie vermutet hat. Nicht nur gesellschaftliche Phänomene, sondern auch politische und religiöse Strukturen haben zur Verbreitung und Populierung der Tätowierungen beigetragen.

Beispielsweise feierte 1992 Amerika sein 500jähriges Jubiläum - 500 Jahre ist es her, daß Columbus auf Grund eines navigatorischen Fehlers die "Indianer" entdeckte. Die eigentliche Bedeutung dieses Zufalls liegt nicht im Sachverhalt, daß ein neuer Kontinent entdeckt wurde, sondern darin, daß mit dieser Entdeckung ein grundlegender Wandel des weltpolitischen Gefüges eingeleitet wurde.

Europa nahm einen ganzen Kontinent in Besitz und importierte seine politische Ideen und sein wirtschaftliches System auf den neuen Kontinent. Was sich daraus entwickelte, ist heute bestimmend für die ganze Welt: Amerika als Weltpolizei und wirtschaftliche und technologische Übermacht.

Was hat das alles mit Tätowierungen zu tun? Die Entdeckungsreisen von Tasman, Bougainville und Cook im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und ihre schillernden Beschreibungen des "irdischen Paradieses" wie auch die tätowierten Polynesier Aotoru (1768 in Paris) und Omai (1775 in London) faszinierten die gehobene Gesellschaft in Europa und waren der Ausgangspunkt für die Tätowiertradition in Europa und Amerika. Die Tätowierung war zwar schon seit Urzeiten bekannt, wurde aber erst durch die Einführung des Wortes greifbar und beschreibbar.

Das Wort "Tätowieren" hat seinen Ursprung in Polynesien und wurde auf Grund des lebhaften Interesses für die Südsee schnell in den europäischen Sprachschatz aufgenommen:

"Tatauierung" [zu polynes. tatau >Zeichen<], umgangssprachlich Tätowierung. Das Einstechen oder Einritzen von Ornamenten in menschliche Haut. In musterhaft angeordnete Stiche oder Schnitte reibt man Farbstoffe (oft mit Pflanzensäften gebundenen Ruß). In manchen Gebieten (NO-Asien und Nordamerika) wurden geschwärzte Fäden in die Haut genäht. T ist in außereuropäischen Kulturen weit verbreitet. Besonders in Afrika wird die Narben-Tatauierung angewendet, bei der die Schmuckformen durch wiederholtes Verunreinigen der Wunden und Abreißen des Schorfs (auch Einbrennen) entstehen; meist haben sie magische Bedeutung oder symbolisieren die Aufnahme Jugendlicher in den Kreis der Erwachsenen. Dagegen erzählen die hauptsächlich in Asien sowie in Ozeanien (aber auch regional in Amerika) verbreiteten Stich-Tatauierung komplexe Geschichten, zeugen von gesellschaftlichem Rang oder heroischen Taten. Die Kunst des Hautstichs war u.a. in Polynesien und Japan hochentwickelt. Seeleute machten sie in Europa bekannt.(aus: der Große Brockhaus)

Polynesien kam Mitte des Vorigen Jahrhunderts unter französische Herrschaft. Die Polynesier konnten sich bis in die 60er Jahre noch ausreichend von Landwirtschaft und Fischfang ernähren. Dies änderte sich jedoch, als die Franzosen mit den Vorbereitungen von Atomwaffentests im Mururoa-Atoll begannen. Heute lebt jeder zweite Einwohner von der Bombe und die Grundversorgung der Bevölkerung wird über Konserven aus dem Ausland sichergestellt. Genau wie die Indianer Nordamerikas wurden auch sie bekämpft und des Landes beraubt. Kulturelle Traditionen wurden durch christliche Missionierung als "Teufelszeug" verboten; der Alkohol wurde verbreitet. Tätowierungen wurden als heidnische Symbole verdammt, so daß das Wissen darüber in Vergessenheit geriet. Die Marquesaner schöpfen das Wissen über ihre eigene Kultur des Tätowierens zum Teil aus Literatur, die von westlichen Ethnologen erstellt wurden. Eben diesen Leuten, die die Kulturen und Traditionen auf dem Gewissen haben.

 

Tattoo-Geschichte / Tattoos in der Frühzeit

Man geht davon aus, daß die Tätowierung sich aus der Körperbemalung (Neudeutsch: "Bodypainting") ergeben hat. Mehr oder weniger zufälligerweise sollen sich in frühester Zeit Menschen "beschmutzt" und dann entdeckt haben, daß das doch eigentlich gar nicht so schlecht aussieht. Zeitlich werden diese Bemalungen mit der Felsmalerei oder sogar noch davor angesiedelt.

Die möglichen Bedeutungen dieser Zeichen waren oder sind immer noch:

bulletSchmuck des Körpers
bulletSchutz vor äußeren Einflüssen, Dämonen und Magie
bulletSchutz des Körpers vor Insekten medizinisch-hygienischen Zwecke
bulletTarnung
bulletTrauer
bulletKriegsbemalung
bulletKennzeichnung

Hieraus haben sich die Tätowierung in den verschiedensten Formen als auch das heutige Bodypainting oder das Brandmarken ("Branding") entwickelt. Darüber hinaus hatte die Tätowierung manchmal auch therapeutischen Charakter (siehe Ötzi). Als Mittel gegen Rheuma (z.B. Samoa) oder Kopfschmerzen (Afrika) waren Tätowierungen besser als Aspirin.

Die sog. Narbentätowierung war wohl die früheste Form der Einbringung von Farbe unter bzw. in die Haut. Wunden wurden zum Schutz vor Infektionen oder zur Verbesserung des Heilungsprozesses mit Zusätzen ausgerieben. Später wurden Narben mit Ruß oder aus Pflanzensaft gewonnener Farbe ausgerieben, so daß nach der Heilung Farbmale auf der Haut zurückblieben. Die Narbenheilung wurde sogar zur Verstärkung des Effektes durch ständiges Aufreißen der Narbe gestört.

Bei den Eskimos wurden und werden z.T. immer noch eingefärbte Fäden unter die Haut eingenäht. Dies kennzeichnet die Zugehörigkeit einer Frau zu einem Mann. Bereits 1578 traf der Arktisforscher Sir Martin Frobisher auf eine Eskimofrau, die solche Male trug.

In Indien stellte die Tätowierung eine Form der Trauer dar. Je tiefer die Trauer, desto größer der Faktor der Selbstverstümmelung. Mit dem körperlichen Schmerz sollte der seelische überwunden werden. Dies ging soweit, daß man Zähne zog, brandmarkte oder sogar amputierte.

In einigen Stämmen Afrikas versuchte man bei einer Schwangerschaft durch Tätowierungen das Geschlecht des Kindes zu bestimmen und das noch ungeborene Kind vor Dämonen zu schützen.

In Form der Kennzeichnung diente die Tätowierung, um die Stammes- oder Clanzugehörigkeit zu demonstrieren. Gleiche Zeichen bedeuten gleiche Abstammung. Auch für sog. Übergangsriten werden Tätowierungen gebraucht. So z.B. bei dem Übergang eines Jugendlichen in das Erwachsenenalter. Nicht nur das Zeichen an sich kennzeichnet ihn dann als Erwachsenen, sondern das Ritual mit den damit verbundenen Schmerzen an sich macht ihn erst dazu. Solche Riten konnten sich durch das ganze Leben eines Tattoo-Trägers ziehen, so daß er am Ende seines Lebens seine eigene Geschichte und je nach Kulturkreis auch die Geschichte seiner Vorfahren auf seinem Körper trug.

Die Maori z.B. haben sogar die Köpfe von Toten abgetrennt und aufbewahrt, da sich hierauf die Geschichte von bis zu 100 Generationen befanden (siehe "Ozeanien").

Der soziale Status, besonders als Stammesoberhaupt, Häuptling oder Krieger konnte eindeutig und für alle erkennbar dargestellt werden. In entsprechenden Studien konnte festgestellt werden, daß die Körperbemalung und die ihr verwandten Techniken in sog. primitiven Gesellschaften zentrale Bedeutung für die soziale Organisation haben. Diese auf dem Körper getragenen individuellen Zeichen waren nicht selten identisch mit den Symbolen auf dem Eigentum des Trägers wie z.B. Töpfen, Waffen etc. So erhält die Tätowierung einen doppelten Charakter: obwohl sie stammes- und umfeldgebunden ist, ist sie gleichzeitig doch individuell an den Träger gebunden.

Erste Belege für Tätowierungen finden sich in Afrika, Polynesien und Asien aus der Zeit von ungefähr 500 v.Chr. Aber auch aus Kulturen wie den Ureinwohnern Nord- und Südamerika und den Ägyptern. Bei diesen sollte bei der Tätowierung von Verstorbenen deren Fortpflanzungsfähigkeit im Jenseits gesichert werden. 1923 wurde in einem Grab bei Luxor die Mumie einer tätowierten Prinzessin gefunden. Der Fund wird auf ca. 2000 v.Chr. datiert.

Motive der Frühzeit waren i.d.R. nicht gegenständlich, sondern stellten einfache Symbole wie Striche, Punkte oder einfache geometrische Formen dar. Die Wahl des Motives hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr in den gegenständlichen Charakter verschoben. Bestimmte Bilder für bestimmte Anlässe oder Bedeutungen. Feuerwehrmänner tragen Wasserdrachen als Schutz gegen Feuer und Fischer lassen sich Delphine stechen um nicht von Haien angegriffen zu werden.

Die wohl ältesten bekanntesten Tattoos auf einem menschlichen Körper besitzt Ötzi. Dies ist der weltbekannte Leichnam eines Steinzeitmenschen, der 1991 in einem Gletscher in fast 3300 m Höhe nahe des Ötztales in Italien gefunden wurde. Das Alter des Fundes wird auf ca. 5300 Jahre geschätzt. Die vereiste Mumie konnte nach dem Auftauen in dem Seziersaal der Gerichtsmedizin in Innsbruck für die weiteren Untersuchungen gerettet werden. Die Leiche befindet sich heute im Archäologischen Museum in Bozen.

15 blauschwarze Tätowierungs-Gruppen mit insgesamt 47 Einzel-Tätowierungen befinden sich auf seinem Körper. Unter anderem verlaufen eine Reihe paralleler Linien auf seiner unteren Wirbelsäule, Streifen um seinen rechten Fußknöchel und eine Tätowierung in Form eines Kreuzes hinter seinem rechten Knie.

Anfänglich hat man gedacht, daß es sich um reine Schmucktätowierungen handelt, die den Gletschermann als zu einem Stamm zugehörig markieren sollte. Mittlerweile scheint jedoch klar zu sein, daß es sich wohl um therapeutischen Charakter in Form von Akupunktur handelt. Es wurde festgestellt, daß die Tätowierungen besonders an Rücken und Beinen an Stellen sind, die als klassische Akupunktur-Stellen gelten.

Diese Theorie stimmt mit den radiologischen Befunden der Leiche überein, wonach Ötzi starke Abnutzungen und Arthrose der Wirbelsäule und der Beine sowie Kniegelenke aufweist. Dafür spricht weiterhin, daß sich die Tätowierungen an Stellen befinden, die normalerweise nicht frei zu sehen sind und daß es sich um einfache Linienmuster und nicht 

um schmückende ornamentale Zeichen handelt.

Genau wie Ötzi wurden noch weitere Eismumien gefunden, die Tätowierungsmerkmale aufweisen. Ein 1993 gefundener weiblicher Leichnam der um Christi Geburt datiert, weist sogar auffällige Schmucktätowierungen auf. Die Leiche wurde in einem hölzernen Sarg gefunden, durch die Kälte gut konserviert.

 

Tattoo-Geschichte / Tattoos in Europa

Wenn über die Geschichte der Tätowierungen in Europa geschrieben wird, darf der Name "Kapitän Cook" (James Cook, geb. 27.10.1728 in Marton-com-Cleveland, Yorkshire) nicht fehlen. Der Entdecker, Seefahrer und Erforscher der Inseln im pazifischen Ozean ist der Auslöser für den überspringenden Funken der Tätowierkunst nach Europa. Durch die Aufzeichnungen Cooks ist das Wort "tatau" erst in den europäischen und amerikanischen Sprachschatz übernommen worden ("Exploration travel on the brig of her Majesty" von 1771). Die Zeichnungen auf der Haut waren zwar schon vordem einigen Forschern bekannt, doch erst Cook hat diese Kunst benannt und "importiert". Erst dann konnte die schon allzu bekannte Kunst auch "besprochen" werden. Vorher wurden lediglich phantasievolle Umschreibungen wie "punktieren", "bemalen", "einstechen" oder ähnliches benutzt.

Weiterhin begann ungefähr hier das Zeitalter der Tätowierung als reine Schmucktätowierung. Bis dahin galt die Tätowierung mehr als Identifikationsmerkmal.

Cook bzw. Captain Fourneaux, der Führer des zweiten Schiffes der Expedition transportierte den "edlen Wilden" Omai auf seiner zweiten Reise (1772 - 1775) nach England, wo die Tätowierungen des tahitischen Prinzen bestaunt und bewundert wurden. Omai wurde ein lebendes Ausstellungsobjekt auf Jahrmärkten (s.u.) und Ähnlichem. Gleichzeitig wurde er, wie viele seiner Leidensgenossen, ein Opfer für die Wissenschaft. Er wurde von den führenden wissenschaftlichen Leuten auf dem Gebiet der Anthropologie untersucht. Er wurde sehr schnell populär und allseits bekannt. Es wurden viele Abhandlungen über ihn geschrieben. Sogar sein Lebenslauf wurde in Romanform verfasst und auch als Pantomimen-Stück mit Erfolg aufgeführt.

Omai ist einer der wenigen Südseeinsulaner, die die Reise zurück mit Erfolg gemacht haben. Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich wieder eingelebt und die Eigenarten der Zivilisation abgelegt.

Kontakt zu den Polynesiern bestand aber schon vor Cook und auch konnten bereits vereinzelt Menschen aus der Südsee bestaunt werden. Die Spanier bereisten schon 1595 den Südpazifik auf der Suche nach dem "Terra australis incognita" dem großen Kontinent, der auf der Erde das Gleichgewicht zu den Kontinenten im Norden herstellen sollte, damit die Erde nicht kippte. Nachdem dieser Irrglaube aber endlich verworfen wurde, wurden diese Touren zu Reisen mit wirtschaftlichem Aspekt. Neue Märkte und Produkte sollten erforscht werden. Australien und Neuseeland wurden englische Kolonien; die Franzosen besetzten die Gesellschaftsinseln mit der Hauptinsel Tahiti und nannten diese Inselgruppe in Französisch-Polynesien um.

Bereits vor Cook und Omai waren in Europa "Wilde" zu bestaunen, die mehr oder weniger authentischen Hautschmuck trugen. Aber da regelrecht die Worte fehlten, um dies beschreiben zu können, wurden diese Darsteller schnell wieder vergessen. Südseeeingeborene befanden sich genau so darunter wie Indianer.

 

Tattoo-Geschichte / Tattoos und Jahrmärkte

Der Jahrmarkt und die Neugier der Menschen auf Ungewöhnliches haben einen großen Anteil an der Verbreitung der Tätowierungen geleistet. Viele Ganzkörpertätowierte waren an der Tagesordnung und ihr Name in aller Munde. Auch heute gibt es noch wenige, die 100 % tätowiert sind. Dazu zählen Enigma der Puzzlemann, Tom Leppard der Leopardenmensch oder Omi der Zebramann. Als gut und viel Tätowierter konnte man zu den Anfangszeiten der Tätowierung in Europa berühmt werden und auch nicht schlecht verdienen.

Vor Omai, der ab 1774 zur Schau gestellt wurde, wurden bereits mehrfach "Wilde" importiert um sie der Schaulust der Menschen vorzuwerfen.

Der erste nach Europa gebrachte Südseeinsulaner scheint "Prinz" Jeoly zu sein. Dieser wurde 1691 von William Dampier mit nach Europa gebracht und herumgezeigt. Selbst dem englischen Königspaar wurde er vorgestellt. Um die Sache interessanter zu machen wurde um den "Prinzen" eine Geschichte gesponnen, die von Unglück, Liebe und Trauer erzählt. Zu den absonderlichen Bemalungen kam auch noch ein menschliches Schicksal, das die Herzen der Zuschauer berührte. Diese Lügen rächten sich, indem Jeoly an den Folgen der Wasserpocken starb.

Nicht nur Männer, sondern auch Frauen machten Tätowierungen auf Jahrmärkten berühmt. 1722 bereits waren zwei indianische Frauen auch auf deutschen Jahrmärkten zu bestaunen.

1769 war Aoturu, ein tahitianischer Königssohn, von de Bougainville nach Paris gebracht worden. Dort wurde er bestaunt und beobachtet. Er wurde zum regelrechten Forschungsobjekt für die Wissenschaftler, die in ihm den "guten Wilden" sahen. Nachdem er genug begutahtet wurde, wurde er aus der Zivilisation wieder nach Hause entlassen. Nur dort kam er nie an, denn er starb auch er an einer Errungenschaft der Zivilisation: den Pocken.

Weitere Beispiele für zur Schau gestellte "Wilde" sind der 16jährige Marquesianer Timotiti (1799), der Neuseeländer Moyhanger (1896), sowie diverse namenlose Indianer, Südseeinsulaner, Eskimos, Hottentotten, Buschmänner oder ähnliches.

Einer der ersten Europäer, die sich die Sensationslust der Leute zunutze machte, war 1829 John Rutherford aus Bristol. Sein Gesicht zierte ein "moko" aus Neuseeland, auf der Brust waren Ornamente aus Tahiti und Rotuma zu sehen und die von ihm erzählter abenteuerliche Geschichte über die von den Maoris ausgeführte Zwangstätowierung traf den Nerv der Zeit und erweckte so viel Beachtung. Seine Biographie wurde sogar mehrfach aufgelegt und erschien in deutscher Übersetzung was für die damalige Zeit erstaunlich war. Das Problem war nur, daß Rutherford eine blühende Phantasie hatte. Er hatte die Tätowierungen zwar aus Neuseeland unk Tahiti, aber von Zwangstätowierung konnte keine Rede sein. Er schrieb das Buch zur reinen Unterhaltung, und natürlich um seinen Geldbeutel zu füllen.

Das Auftreten der Tätowierten fällt in den Bereich der Völkerschau, Freakshow, Zirkus, Kirmes oder Kuriositätenschau. Oft fallen sie mit der Zurschaustellung wilder und exotischer Tiere zusammen. Hierzu zählt "Hagenbecks Völkerschau" genauso wie Barnums Freakshow.

In der Regel wurden um die Menschen Geschichten gesponnen, um die Sache interessanter zu machen. Sie verliefen fast alle nach den gleichen Schemata: entweder ist der Tätowierte edler Abstammung und hat sich freiwillig aus Liebe, Schmerz oder Tradition Tätowieren lassen, oder er ist entführt worden oder gestrandet und zwangstätowiert.

 

Tattoo-Geschichte / Tattoos und Politik im frühen Europa

Für den plötzlichen Run auf die Tätowierkunst in Europa spielt wahrscheinlich auch der Umbruch der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse eine Rolle. Zwischen 1790 und 1870 wurde das ganze politische Gefüge in Europa u.a. durch die französische Revolution erschüttert. Im Zuge der Revolutionen waren Tätowierungen ein Ausdruck der Überzeugung. So fand man beispielsweise auf der Haut eines führenden Revolutionärs, Karl des XIV., König von Schweden und Norwegen, geboren als Jean Baptist Bernadotte in Südfrankreich, nach seinem Tod folgende Tätowierungen: eine Jakobinermütze, sein Geburtsdatum, seine Initiale, den Text "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit/Tod dem König" sowie einen Schädel mit gekreuzten Knochen und ein Hakenkreuz. Man kann davon ausgehen, daß er nicht der einzige Revolutionär war , der seine Überzeugung auf der Haut trug.

Auf politischem Gebiet waren nicht symbolische, dekorative Zeichen angesagt, sondern politische und religiöse Bekenntnisse. Sie dienten auch als Erkennungs- und Identifikationszeichen.

In Deutschland setzte zwischen 1870 und 1880 eine regelrechte Tätowierwut ein. Viele wissenschaftliche Abhandlungen und Aufsätze wurden in dieser Zeit verfaßt. Die Hautbilder wurden dadurch zum Allgemeinthema und verloren ihren exotischen Charakter. Tätowierungen wurden Zeichen des "Milieu´s": Kriminelle und Prostituierte trugen sie. Da konnten auch seriöse ethnologische Abhandlungen nichts an dem schlechten Ruf ändern. Vor allen Dingen England war das Zentrum der Hautstecherei. Allerdings ließen sich auch viele angesehene Personen, wie der Prinz von Wales oder der Herzog von York (beide in Japan) stechen. Die weiße Haut der Oberschicht eignete sich offenbar besonders gut für die farbigen Bilder: König Edward VII, Zar Nikolaus, der Sultan von Jahore, die dänischen Prinzen Christian und Karl, der Herzog von Sachsen-Koburg, der König Georg von England, Prinz Christian-Viktor von Dänemark, Prinzessin Chiay, der König von Griechenland, Prinzessin Waldemar von Dänemark, Prinz Heinrich von Preußen, Kronprinz Rudolph von Österreich usw. Ein passendes Urteil: "Wer sich tätowiert, ist entweder ein Verbrecher oder ein degenerierter Adeliger".

Vor allen Dingen prägten zusammenhanglose Einzelbilder die Motive, jedes einzelne für sich ein Ausdruck eines Wunsches, eines Statements, einer Erinnerung oder von Liebe und Haß.

 

Tattoo-Geschichte / Tattoos und Religion

Besonders in der Religion galt die Tätowierung von je her als "In-Group-Erkennungszeichen" oder als "Out-Group-Stigmata". Dies ist nicht verwunderlich, da sich doch gerade in der Bibel die frühesten schriftlichen Belege für Tätowierungen finden. Diese natürlich in der Form von Verboten . "Für einen Toten dürft Ihr keine Einchnitte auf eurem Körper anbringen, und Ihr dürft euch kein Zeichen einritzen lassen" (Lev. 3. Moses 19, 28). "Die Prister sollen sich auf ihrem Kopf keine Glatze scheren, ihren Bart nicht stutzen und an ihrem Körper keine Einschnitte machen" (Lev 3. Moses 21, 5). Andererseits wird vermutet, daß Paulus tätowiert war " ...denn ich trage die Zeichen Jesu an meinem Leibe" (Galater 6/17).

787 n. Chr. wurden Tätowierungen durch Papst Hadrian I. in dem Konzil von Calcuth in Northumberland als heidnische Bräuche aus dem Kulturkreis des Christentums verbannt. Es wurden alle Formen der Tätowierung als Körperschmuck ausdrücklich verboten. Solche Verbote ziehen sich durch das Christentum bis heute hin.

Bis 1996 war es sogar noch im Kanton Bern in der Schweiz offiziell verboten sich tätowieren zu lassen. Im Gesetz wurde dies als Körperverstümmelung bezeichnet.

Unzweifelhaft ist es allerdings, daß die Frühchristen tätowiert waren. Sie trugen die Initialen Christi ("X" oder "I.N."), einen Fisch, ein Kreuz oder ein Lamm auf der Stirn oder am Handgelenk. Ob es sich hierbei um Nadeltätowierungen oder eingefärbte Narben handelte ist nicht geklärt.

Dabei wird die Bedeutung dieser Zeichen nicht nur im Laufe der Zeit, sondern auch innerhalb einer Epoche verschieden gedeutet.

Es wird vermutet, daß die Tätowierungen/Brandmarkungen von der urspünglichen Bedeutung als genau solche "Brandmarkungen" zu sehen sind. Den bekennenden Christen wurde dieses Mal angebracht um sie als Ketzer oder Abtrünnige vom "rechten Glauben" zu kennzeichnen. Man versuchte somit, die Christen aus der Gesellschaft auszuschließen. Aber für eben diese Christen war dies genau umgekehrt der Fall. Eben an diesen Zeichen konnten sie ihre Gesinnung erkennen. Für sie handelte es sich nicht um ein Stigma sondern vielmehr um ein Zugehörigkeitszeichen.

In aller Öffentlichkeit konnte gezeigt werden, daß man dazu bereit war, für seinen Glauben zu leiden. Die "Idee" der Brandmarkung wurde von den Christen auf freiwilliger Basis aufgegriffen und als ständiges Erkennungssymbol gewählt. Insbesondere in den Gegenden, in denen die Christen in der Minderheit waren.

So wurden z.B. bis 1890 in Bosnien katholische Mädchen tätowiert, um einen Übertritt zum Islam zu verhindern. Armenische Christen hielten die Tradition der Pilgertätowierung noch bis zum 1. Weltkrieg bei. So lange wurde diese Form der Markung in Jerusalem angeboten. Koptische Christen in Ägypten tragen noch heute ein Kreuz an der Innenseite des rechten Handgelenkes um sich vom Islam zu distanzieren.

In Gegenden, wo Christen sich nicht mehr in der Minderheit befanden, drohte eine Vermischung der christlichen Kennzeichnung mit heidnischen Bräuchen. So kam es unter anderem zu dem o.g. Konzilsbeschluß, daß Tätowierungen als Körperschmuck untersagt wurden. Lediglich "die um des Herren Willen" erduldeten Tätowierungen waren hiervon ausgenommen.

Im Laufe der Zeit ergab es sich aber nun, daß das Christentum aus der Diaspora heraus zu einer Weltreligion wurde. In der Phase des Überganges änderte sich schnell die Bedeutung des Tattoos. Aus dem Outgroup-Zeichen wurde ein "offizielles" Ingroup-Merkmal.

Kreuzritter hatten nicht selten individuelle Tätowierungen um sich im Falle ihres Todes ein christliches Begräbnis zu sichern. Ähnliche Zwecke verfolgten Hebammen im Paris des 18. Jahrhunderts. Sie tätowierten Müttern und ihren Neugeborenen identische Zeichen um Verwechslungen zu vermeiden und bei plötzlichem Kindstod oder Aussetzung die Mutter leichter zu finden. Bauern stachen ihren Kindern Symbole ins Gesicht bevor sie sie in die Welt hinaus schickten um Geld zu verdienen. So konnten die Kinder leichter wiedererkannt werden, wenn sie nach Jahren heimkehrten.

(Das erinnert einen irgendwie an die vielen Märchen und Erzählungen, in denen Identitäten anhand verborgener und geheimer Tätowierungen festgestellt werden. Dieses Thema wurde vor allem in der Literatur Ende des 18. Jahrhunderts verwandt.)

Allerdings kam die Tätowierung in den Gegenden in Verruf, in denen die Tätowierung traditionell von den Völkern betrieben wurde, die man mehr oder weniger zwangsweise in der der Christlichen Kirche so typischen aroganten Weise missionieren wollte. Um sich von diesen "primitiven" Völkern moralisch zu unterscheiden wurden die Tätowierungen bei den eigenen Leuten nun vollständig verboten.

[Quelle: www.tattoo-net.de , www.tattoomagic.de  ]

 

Aktualisiert: 19. April 2007